FastenzeitDie heiligen 40 Tage, eine Zeit der Vorbereitung auf Ostern hin(von Prof. Martin Stuflesser, Würzburg) Als ich vor einem Jahr zu Besuch war in Boston am Boston-College der Jesuiten, ergab sich eines Abends eine intensive Diskussion mit zwei befreundeten Jesuiten. Diese entspann sich aufgrund einer Predigt, die wir alle gehört hatten im Sonntagsgottesdienst, in welcher der Prediger betont hatte, der Sinn und Zweck der Fastenzeit sei doch, irgendetwas aufzugeben. Wenn man also nicht zumindest auf das Trinken von Alkohol, das Essen von Schokolade oder sonstige Dinge verzichten würde, die einem extreme Freude bereiten, habe die Fastenzeit doch schon ihren eigentlichen Zweck verfehlt. Einig waren wir uns, dass dies zwar eine landläufige Meinung sein mag, die immer wieder anzutreffen ist, dass es aber doch in der „Fastenzeit“ um wesentlich mehr und anderes geht, als um Fragen der Gewichtsreduktion, der Wellness, u.ä. Äußerlichkeiten.
Zunächst darf festgehalten werden, dass der Name „Fastenzeit“ im Deutschen reichlich unglücklich gewählt ist. Denn das Fasten, das dieser Zeit den Namen verleiht, ist eher ein Begleitumstand, als der eigentliche Sinn und Zweck dieser Vorbereitungszeit auf Ostern hin. Wenn man in die Geschichte der Liturgie schaut, bemerkt man, dass sich eine Fastenzeit erst nach der Ausbildung des Osterfestes entwickelt hat. Dies zeigt schon, dass die Fastenzeit immer von Ostern her zu denken ist und nur von Ostern her ihren Sinn hat. So ist die vielleicht angemessenere Bezeichnung für diese Zeit der Vorbereitung auf Ostern hin auch: die österliche Bußzeit.
Im lateinischen Messbuch heißt die Zeit freilich ganz schlicht Quadragesima, was schlicht und einfach die 40 Tage der Vorbereitung bezeichnet. Wer hier mitzählt, wird merken, dass man nur dann auf 40 Tage kommt, wenn man die Sonntage nicht mitzählt. Es geht also weniger um das Fasten, sondern darum, sich neu in der Vorbereitung auf das nahende Osterfest auf Gott hin auszurichten. So steht auch das Wort des Apostels Paulus im Mittelpunkt des Beginns der österlichen Bußzeit am Aschermittwoch: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade…“ (2 Kor 6,2) Da die Eucharistiefeier in der Osternacht von der Zeit der frühen Kirche an bis heute die wichtigste Eucharistiefeier des ganzen Kirchenjahres darstellt, war es nur natürlich, dass genau in diesem Gottesdienst jene Kandidaten in die Gemeinschaft der Kirche eingegliedert wurden, die sich schon über eine längere Zeit auf die Feier der Initiation vorbereitet hatten. Die Feier der Osternacht hat von daher einen starken inhaltlichen Akzent auf der Taufe: Die Täuflinge, die bis heute in der Osternacht die Sakramente der Eingliederung in die Kirche von Taufe und Firmung empfangen, stehen unter dem Wort der Lesung aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, dass wir zunächst mit Christus mitsterben und begraben werden müssen in der Taufe, um dann mit ihm aufzuerstehen zu einem neuen Leben (Röm 6). Insofern war von früher Zeit an die Phase der unmittelbaren Vorbereitung auf Ostern hin für die bereits getauften Mitglieder der Gemeinde eine Zeit, sich der eigenen Taufe zu erinnern, sich neu bewußt zu werden, was es heißt als Getaufter in der Welt zu leben, die eigene Taufberufung sich neu vor Augen zu stellen. Der Aspekt der Buße, der die österliche Bußzeit auszeichnet, ist also eigentlich ein Aspekt der uns einlädt, uns neu auf unsere Taufe rückzubesinnen, uns neu darüber gewahr zu werden, dass wir auf Christi Tod getauft sind, und uns zu fragen, wo wir unserer eigenen Taufberufung untreu geworden sind. Insofern sind alle Texte aus der Heiligen Schrift, die die verschiedenen Sonntage der österlichen Bußzeit prägen, Hoffnungstexte, die uns aufrufen zur Umkehr, zur Neubesinnung, und da, wo es Not tut, auch zur Reue und Buße. Es sind aber zu allererst Texte, die uns ausrichten sollen neu auf das nahende Osterfest hin. Insofern haben auch alle „Begleiterscheinungen“ der Fastenzeit wie etwa wirklich körperliches Fasten, der Verzicht auf gewisse Genussmittel wie Alkohol oder Süßigkeiten alleine diesen Sinn: Der Verzicht soll uns nach außen hin dabei unterstützen, dass wir uns innerlich neu auf Gott ausrichten wollen und dass wir neu versuchen wollen, das Geheimnis des Osterfestes in unserem Leben zur Wirkung kommen zu lassen. Der Höhepunkt der österlichen Bußzeit ist dann auch, wenn diese 40 Tage in die drei österlichen Tage münden. An diesem österlichen Dreitag (Triduum: Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht) feiern wir, was wir in jedem Hochgebet in der Eucharistiefeier bekennen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Gemeinsam mit Jesus ziehen wir in Jerusalem ein, wir hören am Palmsonntag seine Leidensgeschichte nach einem der synoptischen Evangelien, in diesem Jahr nach dem Evangelium nach Lukas. Wir sind eingeladen, ihm in den Abendmahlsaal am Gründonnerstag zu folgen, wir schauen im Zeichen der Fußwaschung ein Abbild der absoluten Liebe Gottes, die ihr äußerstes Zeichen findet in der Lebenshingabe Jesu am Kreuz. Wir sind eingeladen, Eucharistie zu feiern, Danksagung für das Heilshandeln Gottes, das uns in Jesus Christus geschenkt wurde. Wir folgen Jesus auf seinem Kreuzweg, wir hören am Karfreitag die Passion des Johannes, in der freilich schon der am Kreuz sterbende Heiland der eigentliche Sieger auf dem Kreuzesthron ist. So wird für uns das Kreuz, das wir verehren, zum Baum des Lebens, zum Ort neuer Hoffnung, zum Zeichen der Erlösung. Wir wachen schließlich in der Nacht in den neuen Ostermorgen hinein und hören von Anbeginn der Schöpfung die großen alttestamentlichen Verheißungstexte, die uns berichten wie Gott immer schon an seinem Volk gehandelt hat. Wir entzünden in der Dunkelheit der Nacht ein Licht, von dem wir mutig bekennen, dass es Christus ist, der als Licht der Welt alle Dunkelheit unserer Herzen vertreiben möge. So dürfen wir in der Gegenwart des auferstandenen Herren, den wir als seine Kirche mitten unter uns wissen, unser Taufbekenntnis erneuern, uns erfrischen lassen vom neu geweihtenOsterwasser und im Glanz des Ostermorgens hinzutreten zum Altar, um einzustimmen in die Danksagung der Kirche: Halleluja, Jesus lebt! Betrachten wir von diesem Schlusspunkt vom strahlend hellen Ostermorgen her noch einmal die 40 Tage der Vorbereitung auf Ostern hin, so wird, so denke ich, wirklich deutlich, dass es in der österlichen Bußzeit oder Fastenzeit um mehr und anderes geht als „irgend etwas aufzugeben“. Es geht darum, dass wir uns neu einlassen auf Jesus Christus, das lebendige Wort Gottes, dass wir unserer eigenen großen Berufung als getaufte Christen gewahr werden, dass wir Gott auch das hinhalten dürfen, wo wir selbst unserer eigenen Taufberufung untreu geworden sind, dass wir uns von und mit Gott versöhnen lassen dürfen, und dass wir so befreit in den Osterjubel des Ostermorgens einstimmen dürfen.
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