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Predigt am Vorabend des Josephstags, 18.3.2011,
über Matthäus 1,18-24, gehalten von Pfarrer Hans
Schmidt (evang.) und Pfarrer Helmut Rügamer (kath.)
Pfarrer Hans Schmidt: Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott, dem
Vater, dem Sohn, und dem Heiligen Geist!
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen!
Wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung stehen oder nicht wissen, wie wir
uns entscheiden sollen, dann ist es gut erst mal eine Nacht darüber zu
schlafen.
Die Eindrücke des Tages können zur Ruhe kommen und können sich allmählich
setzten. Die Gedanken und Gefühle werden auf traumhafte Weise geordnet und
vielleicht ergibt sich eine Richtung, in die es uns dann letztlich zieht.
Joseph muss in fürchterlichen Gewissens- und Entscheidungsnöten gewesen sein.
Seine Verlobte erwartete ein Kind. Doch von ihm konnte es nicht sein. Aus
seiner menschlichen Perspektive musste Maria einen anderen Mann kennengelernt
haben.
Wir hören nicht, ob er sie zur Rede stellte. Vielmehr wird Josef als ein milder
Mann geschildert, der seine Verlobte vor Skandal und Blöße schützen möchte,
aber dann doch seinen Stolz nicht unterdrücken kann.
Kein Zweifel, Joseph hätte die
Verlobung gelöst. Und Maria hätte dann ein uneheliches Kind auf die Welt
bringen müssen. Die Schande wäre perfekt gewesen: „Hast Du schon das Neueste
gehört, die Maria, die Cousine der Elisabeth ist schwanger!“ - „Ja, wieso
nicht, die ist doch mit dem Josef zusammen!“- „Nein, eben nicht mehr, der hat
sie doch sitzen lassen!“ - „Ach du, meinst, das Kind ist nicht von ihm?“ - „Der
Josef ist ein guter Kerl! Wenn der geht, dann stimmt doch etwas nicht! Das Kind
kann nicht von ihm sein!“ - „Ja wie meinst denn des jetzt? Nicht von ihm? Von
wem denn sonst? Vom Heiligen Geist vielleicht?“
Diese Geschichte kann in der Tat Verwirrungen auslösen. Sie widerspricht
einerseits irgendwie unserem Verständnis von Biologie und Naturwissenschaft.
Dann neigen wir vielleicht dazu, unsere Zweifel zurückzustellen. Es geht
immerhin auch um unseren Glauben. Da muss ich nicht jedes Geheimnis auflösen
wollen.
Wir haben hier ja eine Wundergeschichte vor uns, die unsere Wirklichkeit
aufsprengt. Wir kommen Gott nicht näher, wenn wir sein Wesen wie ein
Naturgesetz beschreiben wollten.
Manche Kindergottesdiensthilfen schließen einen Kompromiss und wollen einen
irdischen und einen geistlichen Vater für Jesus ins Spiel bringen.
Pfarrer Helmut Rügamer:
Liebe Mitchristen, in diesem Punkt möchte ich meinem lieben Kollegen, Pfarrer
Hans Schmidt, zustimmen. Es geht doch in unserem Glauben gerade darum, dass wir
der Bibel glauben. Es gibt dabei eben solche Stellen, die in einem Widerspruch
zu unserem modernen Wirklichkeitsverständnis stehen. Dann stellt sich doch die
Frage: Rechne ich persönlich damit, dass Gott in unserer Welt handeln kann.
Auch damit, dass er es tatsächlich tut! Und wenn ich mit der Bibel überzeugt
bin, dass er die Welt, das ganze Universum geschaffen hat, dann kann er doch
auch gegen die Naturgesetze handeln. Wie er es dann ganz konkret tut, das
bleibt wirklich ein Geheimnis. Nur sollten wir nicht irgendwelche eigene
Konstruktionen aufbauen, um hier einen Einklang, eine Harmonie zu basteln, die
eigentlich Gott in seinem Handeln entwerten.
Ich finde es bedeutsam und
bedenkenswert, dass Josef ganz auf Gott eingestellt ist. Er fragt danach, wie
Gott handeln will. Und auch was Gott von ihm will! Diese so persönliche Frage
ist auch für mich, für uns hier wichtig. Wir können von Josef lernen, diese
Frage an uns heranzulassen. Auch so im persönlichen Leben zu fragen. Sicher
sind wir dann auch auf der Suche danach. Wie können wir erfahren, was Gott uns
persönlich sagt? Wie spricht er zu uns? Wie merken wir, dass er es ist, der uns
anspricht? Da hilft uns doch auch das heutige Evangelium weiter!
Pfarrer Hans Schmidt: Also lassen wir uns von dieser Geschichte einfach
anrühren. Sie berührt unseren tiefsten Glauben. Sie berührt unser Herz. Im
Traum, in dem unsere Maßstäbe und unser Fassungsvermögen außer Kraft gesetzt
sind, kann uns Gott begegnen. Er kann einen festen Eindruck in uns
hinterlassen. Selbst, wenn dann unser gewohnter Ordnungsinn wieder erwacht,
bleibt die nächtliche Gottesbegegnung unangreifbar.
Vielleicht ist es Joseph so ergangen. Am nächsten Morgen weiss er, dass er bei
seiner Verlobten bleiben wird. Er ist im Traum zu einer tiefen Einsicht
gelangt, dass Gott hier Heilsgeschichte schreibt.
Gott greift ein und er lenkt die Dinge in die von ihm gewünschte Richtung. Er
muss etwas nachhelfen, damit sein Heil für uns in unsere Geschichte
hineinwirken kann und uns zur Heilsgeschichte wird.
Vielleicht fragen einige von uns, warum Gott denn nicht in Japan nachgeholfen
hat. Hätte er da nicht auch in unsere irdischen Abläufe eingreifen können?
Es liegt wieder einmal etwas in der Luft: Die Frage nach Gott angesichts des
Leids.
Warum hat Gott diese Katastrophe zugelassen?
Oder ist diese Frage falsch gestellt? Müsste man nicht vielmehr fragen, warum
haben Menschen diese Katastrophe zugelassen? Wie konnte man in einem
Erdbebengebiet Atomkraftwerke bauen?
Pfarrer Helmut Rügamer: Gerade, wenn wir unsere Voraussetzungen im
Glauben ernst nehmen, stellt sich ja erst diese Frage. Ich meine, dass Gott in
unserer Welt handeln kann und will - sogar gegen die Naturgesetze. Aber das
kann - wie bei dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan - nicht so flott mit einem
Spruch beantwortet werden. Deine Fragen, lieber Hans, zeigen es ja schon!
Vieles ist dabei zu beachten, vieles geht uns durch den Kopf!
Sicher ist die Katastrophe,
besonders weil Atomkraftwerke betroffen sind, weil es diesen großen Unfall gab
mit Explosionen und der Strahlenverseuchung, eine Anfrage, an uns Menschen. Wie
weit können wir denn gehen? Wo liegt die natürliche Grenze? Dies sicher im
Blick auf die Energiegewinnung aus der Atomkraft. Es geht um Sicherheitsfragen,
die auch bei uns diskutiert werden. Aber auch um den Drang des Menschen, alles
erforschen zu wollen. Und dann natürlich auch darum, das Erforschte zu nutzen.
Und wenn man erst einmal bei der Nutzung ist, dann geht es auch um Einfluss und
Macht, und selbstverständlich auch um den Profit. Da werden uns doch viele
Dinge vorgesetzt, die wir oft gar nicht überprüfen können. Wir haben nicht die
Zeit, uns selbst über alles so zu informieren, dass wir auch Fachleute sind.
Jetzt bin ich bei den vielen
menschlichen Dingen hängengeblieben. Aber vielleicht ist dies ja eine Antwort
auf die Frage: Warum hat Gott diese Katastrophe nicht verhindert? Er hätte es
soch tun können! Was wäre aber dann der Mensch noch wert? Wären wir dann nicht
doch bloß Marionetten in der Hand Gottes?
Josef handelt doch gerade
nicht als Marionette. Er entscheidet ganz frei! Gerade weil er weiss, dass Gott
auch Unbegreifliches zulässt? Er sagt uns heute - und dies kommt letztlich auch
von Gott -: Nimm Deine Chance war. Höre
auf Gott. Und handle als freier Mensch, als Gläubiger.
Pfarrer Hans Schmidt: Ich glaube auch, dass wir den heutigen Predigttext
unter der Rubrik „auf Gott hören“ einordnen können. Die Frage nach Gott
angesichtes des Leides lässt vielen von uns keine Ruhe. Sicher, Du hast Recht:
Gott wollte keine Marionetten. Wir haben Wahlmöglichkeiten. Leider entscheiden
sich einige Menschen nicht für das Leben, sondern für Risiko und Zerstörung.
Mit anderen Worten, dass so viel Schlimmes passiert liegt nicht an Gott,
sondern an uns. Und gerade weil das so ist, wünschen sich viel von uns mehr
Zeichen von Gottes Nähe. Für viele wäre es wohltuend, auch für mich, wenn wir
im Dunstkreis von Not, Willkür, Kälte und menschlicher Bosheit eine Konkretion
von Gott wahrnehmen könnten.
Wo wird Gott in unserem Leben konkret, spürbar, heilsam?
Pfarrer Helmut Rügamer:
Diese Frage hat mich schon immer beschäftigt. Eine Antwort wird aber dadurch
erschwert, dass wir nicht Gott gegen die Welt oder den Mitmenschen stellen
können. Was ich damit meine, will ich an einem erlebten Beispiel erzählen. Vor
einigen Monaten machte ich einen Wanderung. Dabei plante ich bewusst ein, vom
Zielort zumindest in die Nähe des Ausgangspunktes mit dem Zug zurückzufahren.
Als ich am Bahnsteig ankam, war es nur noch wenig Zeit den Fahrschein zu lösen,
bis der Zug ankam. Sofort kam eine Jugendliche, die ebenfalls wartete zu mir
und sagte: „Ich helfe Ihnen, wo wollen Sie denn hin?“ Ich sagte den Zielort.
Und null komma nichts löste Sie für mich den Fahrschein. Ich musste nur noch
bezahlen. Als ich gerade fertig war, kam schon der Zug. Ich wäre nicht so
schnell gewesen. Wenn ich jetzt sage, die Jugendliche war freundlich zu mir,
aber nicht Gott. Und wenn das immer so sage, werde ich wohl kaum die Nähe
Gottes spüren. Für mich aber war in diesem Geschehen, Gott hilfreich nahe.
Viele solche Erfahrungen
wünsche ich uns allen, und dass wir diese immer auch mit Gott verbinden können.
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