Peter durfte zum ersten Mal mit dem Zug verreisen, und zwar zu seinen Großeltern. Es war in der Weihnachtszeit.
Am Nachmittag des nächsten Tages nahm ihn der Großvater mit auf den Dachboden des Hauses: " Komm, ich muss dir etwas zeigen." Als sie die schmale Treppe hinaufstiegen, sah Peter in der Ecke des Raumes große, geschnitzte Holzfiguren.
Diese Krippenfiguren standen auf einem Tischchen - vorsichtig nahm der Großvater den Stall und einen knienden Hirten in die Hand und trug sie hinunter. Peter durfte den Josef tragen. Mehrmals mussten sie die Treppe hinaufgehen, bis alle Figuren unten waren. "Was bedeuten diese Figuren?
Was macht den der mit dem Kastchen in der Hand? Warum haben die so helle Kleider an?" Geduldig erklärte der Großvater alles. Immer leiser wurde die Stimme von Peter. Er gähnte. Allmählich wurde er in der warmen Stube ganz müde. Er war eingeschlafen. Dabei träumte er.
Im Traum wurden alle Holzfiguren lebendig, die Hirten mit ihren Schafen, Maria und Josef und auch das Kind in der Krippe. Und er selbst ging auf die Krippe zu und begrüßte das Jesuskind. Da fiel ihm ein: Ich habe ja nichts zu schenken mitgebracht. Alle hatten etwas bei sich, die Hirten: das Schaffell, die Weisen: Gold, Weihrauch und Myrrhe - nur er - er hatte nichts.
Das sagte das Jesuskind zu ihm: „Drei Dinge möchte ich von dir." „Ach ja", antwortete der Junge, „jetzt weiß ich`s, meine neue elektrische Eisenbahn und das Buch mit den schönen, bunten Bildern und neue Winterjacke, das gebe ich dir!"
Das Jesuskind sagte: „Nein, das brauche ich nicht. Drei andere Dinge brauche ich von dir!" - „Was denn?" - „Erstens gibst du mir deinen letzten Deutschaufsatz!" Peter bekam einen Schrecken und sagte: „Aber das geht doch nicht. Da hat der Lehrer -ungenügend- darunter geschrieben.
„Ja", sagte Jesus, „gerade deswegen will ich ihn ja haben. Versprich mir, dass du mir alles in deinem Leben gibst, wo die Menschen darunter schreiben -ungenügend-, -reicht nicht-, -nicht vollkommen-. Bringst du mir alles, was ungenügend ist?" -
„Und das zweite, was ich von dir haben möchte, ist dein Milchglas." Schnell sagte Peter: „Das ist doch zerbrochen!" - „Ja, gerade deswegen." „Versprichst du mir, dass du alles bringst, was unter deinen Händen zerbricht, alles, was in Scherben geht, alles, was kaputtgeht in deinem Leben, alles, was verwundet ist, was Sprünge bekommt und auseinander bricht, bringst du mit das?" - „Ja, sagte er.
„Und dann hätte ich gern noch ein Drittes von dir: die Antwort, die du deiner Mutter gabst, als sie dich nach dem Glas fragte!" Das senkte Peter den Kopf, wurde ganz klein und sagte: „Da habe ich gelogen. Das Gas war nicht runtergefallen, wie ich es gesagt hatte. Ich habe es aus Wut und Zorn zerschmissen." „Ja", erwiderte Jesus, „deswegen! Versprichst du mir, dass du mir alles aus deinem Leben gibst, was gelogen ist, was aus Wut und Zorn absichtlich zerstört ist? Bringst du mir das alles, damit ich es heil machen kann" Und Peter sagte: „Ja!"
In diesem Augenblick wachte er auf, sah die Krippenfiguren aus Holz, den Großvater. Ob er begriffen hat, dass das mehr als ein schöner Traum war?
Ob wir begreifen, dass Weihnachten nicht nur mit niedlichen Holzfiguren zu tun hat, die man abstauben kann und später wieder wegstellt? Jesus möchte unsere Seele abstauben von Schmutz und Dreck, unser Herz reinigen, damit wir wieder aufatmen können, wieder lachen können. Dass uns Freude ins Herz fällt, die vor dem Alltag nicht kapituliert. Die Hirten gingen zurück zu ihren Schafen, in die Nacht und Kälte voller Gefahren - und dankten und priesen Gott.
Jesus sagt zu uns: "Gib mir das, worunter -ungenügend- steht. Vielleicht haben wir unter unserem Deutschaufsatz ein -Befriedigend- stehend gehabt oder sogar ein -sehr gut-. Dafür haben uns die heranwachsenden Kinder in Sachen Erziehung die Note -Sechs- gegeben und gesagt: -Du hattest nie Zeit für mich!- Gib dein Versagen Jesus.
Jesus sagt zu uns: "Gib mir, was zerbrochen ist in deinem Leben!" Vielleicht haben wir noch keine Milchgläser zerschmissen oder trinken aus Plastikbechern. Aber da zerbricht die Beziehung zum Ehepartner - in den Weihnachtstagen zeigen sich die Risse besonders deutlich. Man hat sich nichts mehr zu sagen. Gib es Jesus.
Jesus sagt zu uns: "Gib mir, was verlogen ist in deinem Leben." Wegen eines zerbrochenen Glases haben wir wohl niemanden belogen. Aber vielleicht versuchen wir, unseren Arbeitskollegen oder Nachbarn vorzumachen, was für ein großartiger Mensch wir sind - und werden hinter dieser Maske immer einsamer.
Dieser Jesus, der unser Leben heilen möchte, ist mehr als das süße Jesuskind, das vor 2000 Jahren in der Krippe lag. Er redet uns heute an, weil er unserem Leben heute Sinn geben will. Deshalb sagt er: "Gib das Verlogenen, Zerbrochene und Ungenügende mir." Ob wir das begreifen, das Jesus das wirklich so meint, dass das kein frommer Traum bleiben muss?
Ob wir ihn beim Wort nehmen? Er wartet auf uns, dass wir uns an ihn wenden, indem wir zu ihm in einfachen Worten beten. Wenn wir es ausprobieren, erfahren wir: dieser Jesus ist keine niedliche Figur, die man wegräumen kann. Er ist auferstanden, damit man ihm sein Leben ganz anvertrauen kann. Er ist auch dann noch da, wenn alles andere von Weihnachten auf dem Dachboden ruht und verstaubt.
"Euch ist heute der Retter geboren, der Herr in der Stadt Davids" - so haben es die Engel verkündet.
(Auszug aus dem Buch - Arnos Advents- und Why-nachtsbuch - von Arno Backhaus aus dem Brendow-Verlag)