Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen
Geist. Amen
Liebe Gemeinde!
Der Predigttext für den heutigen Altjahresabend finden wir im Buch Josua Kap 1,
6-9
Gott sprach zu Josua: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei
mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem
du weisst: Ich habe ihren Vätern geschworen es ihnen zu geben. Sei nur mutig
und stark und achte genau darauf, dass du ganz nach der Weisung lebst, die mein
Knecht Mose dir gegeben hat. Weich nicht nach rechts und nicht nach links davon
ab, damit du Erfolg hast in allem, was du unternimmst. Über dieses Gesetzbuch
sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf
achtest, genau so zu handeln, wie darin geschrieben steht. Dann wirst du auf
deinem Weg Glück und Erfolg haben. Habe ich dir nicht befohlen: Sei mutig und
stark? Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr dein Gott,
ist mit dir bei allem, was du unternimmst.
Der heutige Abend, diese letzten Stunden des vergehenden Jahres, sind eine
Schwelle. Auf der Schwelle sind wir irgendwie dazwischen. Das alte Jahr ist im
Grunde gelaufen, aber eben noch nicht ganz vorbei. Das neue fängt erst an.
Solche Schwellen sind in unserem Leben immer sehr schwierige Zeiten. Nicht
umsonst gibt es ja den Begriff Schwellenangst, aber keinen positiven Ausdruck
wie Schwellenfreude oder Schwellensehnsucht.
Wir alle haben schon verschiedene Schwellenzeiten und Schwellensituatioen
erlebt oder durchlebt.
Jugendliche in der Pubertät, wenn sie anfangen sich im
Erwachsenenleben einzurichten und erstmals Verantwortung für eigene
Entscheidungen übernehmen müssen.
Jugendliche, die die Schule abschließen und die ersten Erfahrungen im
Berufsleben oder im Studium machen.
Frauen in der Schwangerschaft, wenn das Kind zwar spürbar ist aber noch nicht
geboren ist. Menschen, die über Jahrzehnte berufstätig waren und jetzt in Rente
gehen. Menschen, die immer gesund und beweglich waren, und durch Krankheiten
aus dem bisher bekannten Rhythmus herausgerissen werden.
Schwellenzeiten sind aber auch: Umzüge, Trennungen, Wechsel im Beruf,
Abschiede.
Diese Übergangszeiten erleben wir Menschen unterschiedlich: Von Freude, über
Traurigkeit und Angst bis hin zur Wut reicht die Bandbreite der Gefühle, die
sich einstellen können, ob wir wollen oder nicht.
Ach ja, aber auch Kinder müssen schon diese Erfahrung
machen, dass etwas zuende geht und Neues beginnen soll. Ein Grundschüler hatte
mir schon vor Wochen angekündigt, dass er bald auf eine neue Schule gehen
wird.Als ich ihn vor den Ferien zuletzt
sah, war er in Tränen ausgebrochen und konnte sich nicht beruhigen. Er hatte
Angst,dass er dann seine Lehrerin und seine Klassenkameraden verlieren würde.
Und wer weiss schon, was ihn dort in der Fremde erwarten würde. Es war
herzergreifend. Erst als ich ihm im Religionsunterricht die Trommel zum
Eingangslied reichte, hellten sich seine Züge wieder auf. Wütend schlug er die
Trommel. Ich ließ ihn gewähren, weil es ihm gutgetan hat.
Wenn der alte Zustand verlassen wird und der neue noch nicht erreicht ist und
gefestigt ist, dann sind wir Menschen in der Regel anfälliger und
verletzlicher.
Zu allen Zeiten und an allen Orten versuchten die Menschen, diese
Schwellensituationen zu bewältigen. Eine Unzahl an Bräuchen und Riten wurde
ausgebildet, diese Übergänge zu gestalten und zu bewältigen.
In alten Zeiten haben die Eltern ihre Kinder vor dem Weg zur Schule noch mit
dem Kreuzzeichen auf die Stirn gesegnet.
Insbesondere die Türen sind ein vielbedachter Ort: Die Braut muss über die
Schwelle getragen werden, dass sie sich nicht mit den Hausgeistern verbünden
kann. Wo Tote zu Hause aufgebahrt werden, darf der Sarg beim Hinaustragen nicht
auf der Schwelle abgesetzt werden, damit die Totengeister nicht im Haus
bleiben.
Diese Bräuche können sich teilweise auf biblische Riten berufen. Damals in
Ägypten, sollten die Israeliten ihre Türen mit Blut bestreichen, damit der Tod
an ihren Häusern vorbeiziehen möchte.
Immer schon galten Türen und Schwellen als der Ort, an dem sich gern Dämonen
aufhalten. „Der Herr sprach zu Kain: Wenn du recht tust, darfst du aufblicken,
wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon.“
Vieleunter uns wissen wohl, wie es ist,
wenn ein geliebter Mensch gestorben ist . Hin und her gerissen zwischen den
Ereignissen, die wir nicht einordnen können und unseren eigenen Gefühlen
hilflos ausgesetzt, sind wir wohl dankbar, dass es auch in solch schmerzhaften Situationen
Ritengibt, die hier ein bisschen helfen
können. Die Beerdiung, so furchtbar wir sie auch in Erinnerung haben mögen, ist
auch ein Stück Lebenshilfe:Es gilt den Übergang zu begehen von der
Partnerschaft hin zum neuen Status des im wahrsten Sinne des Wortes
Allein-Stehenden. Wie angenehm sind dann die vielen kleinen Zeichen und Geste
der Verbundenheit und wie wohltuend sind auch liebgemeinte Worte.
Das sind jetzt nur einige Beispiele, die zeigen, dass Übergangszeiten bewältigt
werden wollen.
Schwellenorte und Schwellenzeiten sind nicht ohne Gefahr:
Manchmal zerbrechen Menschen, weil sie einen Verlust nicht überwinden können.
Schwellenzeiten können aber auch eine Verheissung frei setzen:
Als die Israeliten unter Führung des Josua ins versprochene Land einziehen
wollen, gibt sich Gott als der Beschützer zu erkennen.
In unserem heutigen Gottesdienst an der Schwelle vom alten zum neuen Jahr
stellen wir uns unter den Schutz unseres Gottes. Wir nehmen an der Schwelle
Abschied von dem, was im alten Jahr zurückbleibt und erbitten Gottes Segen für
das Neue, das wir erwarten und erhoffen.
Am Ende eines Jahres schauen wir zurück auf das war war.
Wir haben Schönes erlebt, erfüllte Zeiten, gute Begegnungen, bereichernde
Erfahrungen. Aber es gab auch Schweres: liebloses aneinander vorbeileben,
Krankheit, Trennungen, Abschiede, Erfahrungen von Scheitern, Erfahrungen, dass
persönliche Grenzen nicht respektiert werden.
Vieles nehmen wir mit hinüber ins neue Jahr. Aber es gibt auch manches, was wir
zurücklassen wollen und müssen:
Ein zuendegegangenes Leben, um das wir trauern. Eine Beziehung, die nicht nicht
mehr weitergeführt werden kann. Eine bestimmte Phase unseres Lebens. Eine
Gewohnheit oder Einstellung, die uns zu schaffen macht. Ein Wunsch, von dem wir
wissen, dass er nicht mehr in Erfüllung gehen kann.
Doch es ist schwer, etwas loszulassen, was zu uns gehörte, mit dem wir gelebt
haben und was unser Leben geprägt hat. Aber wir können darauf vertrauen, dass
sich Dinge und Situationen wandeln. Bohrender Schmerz kann sich in ruhige
Trauer wandeln. Trauer über Verlorenes kann den Blick frei geben auf Neues.
In der Stille nehmen wir uns Zeit und bedenken, was wir zurücklassen mussten.
Und in einem weiteren Schritt überlegen wir, was wir zurücklassen möchten. Wovon
muss ich mich trennen? Stille
In Gottes Hände kehrt zurück, was war. Nichts war vergebens. Alles, was in
diesem Jahr gewesen ist, jede Stunde, jeder Tag ist jetzt bei Gott aufgehoben.
Im letzten Buch der Bibel hören wir:
Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die
erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr. Und ich hörte eine große
Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den
Menschen. Und Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er
selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen
von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei
noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.
Wenn wir uns von etwas verabschieden, kann auch Neues entstehen. Gott
verspricht uns, uns auch im neuen Jahr stärken zu wollen. Was auch immer kommen
mag, Gott geht diese Wege mit uns mit.
Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt
an mich!