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Silvesterpredigt

im ökumenischen Jahresschlussgottesdienst 2009


 

... über Josua 1, 6-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Amen

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für den heutigen Altjahresabend finden wir im Buch Josua Kap 1, 6-9
Gott sprach zu Josua: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem du weisst: Ich habe ihren Vätern geschworen es ihnen zu geben. Sei nur mutig und stark und achte genau darauf, dass du ganz nach der Weisung lebst, die mein Knecht Mose dir gegeben hat. Weich nicht nach rechts und nicht nach links davon ab, damit du Erfolg hast in allem, was du unternimmst. Über dieses Gesetzbuch sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf achtest, genau so zu handeln, wie darin geschrieben steht. Dann wirst du auf deinem Weg Glück und Erfolg haben. Habe ich dir nicht befohlen: Sei mutig und stark? Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.

Der heutige Abend, diese letzten Stunden des vergehenden Jahres, sind eine Schwelle. Auf der Schwelle sind wir irgendwie dazwischen. Das alte Jahr ist im Grunde gelaufen, aber eben noch nicht ganz vorbei. Das neue fängt erst an. Solche Schwellen sind in unserem Leben immer sehr schwierige Zeiten. Nicht umsonst gibt es ja den Begriff Schwellenangst, aber keinen positiven Ausdruck wie Schwellenfreude oder Schwellensehnsucht.
Wir alle haben schon verschiedene Schwellenzeiten und Schwellensituatioen erlebt oder durchlebt.

Jugendliche in der Pubertät, wenn sie anfangen sich im Erwachsenenleben einzurichten und erstmals Verantwortung für eigene Entscheidungen übernehmen müssen.
Jugendliche, die die Schule abschließen und die ersten Erfahrungen im Berufsleben oder im Studium machen.
Frauen in der Schwangerschaft, wenn das Kind zwar spürbar ist aber noch nicht geboren ist. Menschen, die über Jahrzehnte berufstätig waren und jetzt in Rente gehen. Menschen, die immer gesund und beweglich waren, und durch Krankheiten aus dem bisher bekannten Rhythmus herausgerissen werden.
Schwellenzeiten sind aber auch: Umzüge, Trennungen, Wechsel im Beruf, Abschiede.
Diese Übergangszeiten erleben wir Menschen unterschiedlich: Von Freude, über Traurigkeit und Angst bis hin zur Wut reicht die Bandbreite der Gefühle, die sich einstellen können, ob wir wollen oder nicht.

Ach ja, aber auch Kinder müssen schon diese Erfahrung machen, dass etwas zuende geht und Neues beginnen soll. Ein Grundschüler hatte mir schon vor Wochen angekündigt, dass er bald auf eine neue Schule gehen wird. Als ich ihn vor den Ferien zuletzt sah, war er in Tränen ausgebrochen und konnte sich nicht beruhigen. Er hatte Angst,dass er dann seine Lehrerin und seine Klassenkameraden verlieren würde. Und wer weiss schon, was ihn dort in der Fremde erwarten würde. Es war herzergreifend. Erst als ich ihm im Religionsunterricht die Trommel zum Eingangslied reichte, hellten sich seine Züge wieder auf. Wütend schlug er die Trommel. Ich ließ ihn gewähren, weil es ihm gutgetan hat.

Wenn der alte Zustand verlassen wird und der neue noch nicht erreicht ist und gefestigt ist, dann sind wir Menschen in der Regel anfälliger und verletzlicher.

Zu allen Zeiten und an allen Orten versuchten die Menschen, diese Schwellensituationen zu bewältigen. Eine Unzahl an Bräuchen und Riten wurde ausgebildet, diese Übergänge zu gestalten und zu bewältigen.
In alten Zeiten haben die Eltern ihre Kinder vor dem Weg zur Schule noch mit dem Kreuzzeichen auf die Stirn gesegnet.
Insbesondere die Türen sind ein vielbedachter Ort: Die Braut muss über die Schwelle getragen werden, dass sie sich nicht mit den Hausgeistern verbünden kann. Wo Tote zu Hause aufgebahrt werden, darf der Sarg beim Hinaustragen nicht auf der Schwelle abgesetzt werden, damit die Totengeister nicht im Haus bleiben.
Diese Bräuche können sich teilweise auf biblische Riten berufen. Damals in Ägypten, sollten die Israeliten ihre Türen mit Blut bestreichen, damit der Tod an ihren Häusern vorbeiziehen möchte.
Immer schon galten Türen und Schwellen als der Ort, an dem sich gern Dämonen aufhalten. „Der Herr sprach zu Kain: Wenn du recht tust, darfst du aufblicken, wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon.“ 

Viele unter uns wissen wohl, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist . Hin und her gerissen zwischen den Ereignissen, die wir nicht einordnen können und unseren eigenen Gefühlen hilflos ausgesetzt, sind wir wohl dankbar, dass es auch in solch schmerzhaften Situationen Riten gibt, die hier ein bisschen helfen können. Die Beerdiung, so furchtbar wir sie auch in Erinnerung haben mögen, ist auch ein Stück Lebenshilfe:Es gilt den Übergang zu begehen von der Partnerschaft hin zum neuen Status des im wahrsten Sinne des Wortes Allein-Stehenden. Wie angenehm sind dann die vielen kleinen Zeichen und Geste der Verbundenheit und wie wohltuend sind auch liebgemeinte Worte.

Das sind jetzt nur einige Beispiele, die zeigen, dass Übergangszeiten bewältigt werden wollen.

Schwellenorte und Schwellenzeiten sind nicht ohne Gefahr: Manchmal zerbrechen Menschen, weil sie einen Verlust nicht überwinden können. Schwellenzeiten können aber auch eine Verheissung frei setzen:
Als die Israeliten unter Führung des Josua ins versprochene Land einziehen wollen, gibt sich Gott als der Beschützer zu erkennen.
In unserem heutigen Gottesdienst an der Schwelle vom alten zum neuen Jahr stellen wir uns unter den Schutz unseres Gottes. Wir nehmen an der Schwelle Abschied von dem, was im alten Jahr zurückbleibt und erbitten Gottes Segen für das Neue, das wir erwarten und erhoffen.

Am Ende eines Jahres schauen wir zurück auf das war war.
Wir haben Schönes erlebt, erfüllte Zeiten, gute Begegnungen, bereichernde Erfahrungen. Aber es gab auch Schweres: liebloses aneinander vorbeileben, Krankheit, Trennungen, Abschiede, Erfahrungen von Scheitern, Erfahrungen, dass persönliche Grenzen nicht respektiert werden.

Vieles nehmen wir mit hinüber ins neue Jahr. Aber es gibt auch manches, was wir zurücklassen wollen und müssen:
Ein zuendegegangenes Leben, um das wir trauern. Eine Beziehung, die nicht nicht mehr weitergeführt werden kann. Eine bestimmte Phase unseres Lebens. Eine Gewohnheit oder Einstellung, die uns zu schaffen macht. Ein Wunsch, von dem wir wissen, dass er nicht mehr in Erfüllung gehen kann.
Doch es ist schwer, etwas loszulassen, was zu uns gehörte, mit dem wir gelebt haben und was unser Leben geprägt hat. Aber wir können darauf vertrauen, dass sich Dinge und Situationen wandeln. Bohrender Schmerz kann sich in ruhige Trauer wandeln. Trauer über Verlorenes kann den Blick frei geben auf Neues.
In der Stille nehmen wir uns Zeit und bedenken, was wir zurücklassen mussten. Und in einem weiteren Schritt überlegen wir, was wir zurücklassen möchten. Wovon muss ich mich trennen?
Stille
In Gottes Hände kehrt zurück, was war. Nichts war vergebens. Alles, was in diesem Jahr gewesen ist, jede Stunde, jeder Tag ist jetzt bei Gott aufgehoben.
Im letzten Buch der Bibel hören wir:
Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.

Wenn wir uns von etwas verabschieden, kann auch Neues entstehen. Gott verspricht uns, uns auch im neuen Jahr stärken zu wollen. Was auch immer kommen mag, Gott geht diese Wege mit uns mit.

Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

 

Predigt von Pfr. Hans-Christian Schmitt