Gedanken zum Advent "Siehe kommen wird der Herr.."
Kleine Einführung in die Adventszeit von Dr. Martin Stuflesser, Würzburg
Was
feiern wir eigentlich, wenn wir Advent feiern? Allenthalben begegnen
uns doch jetzt schon in den Supermärkten Lebkuchen und Spekulatius,
und wenn wir Christen sagen, wir feiern Advent,dann sind um uns herum
schon überall Weihnachtsmärkte, Weihnachtsmänner,Weihnachtsmusik:
Was soll da noch eine eigene Adventszeit?
Zunächst
ist festzuhalten, dass es eine eigene Adventszeit eigentlich nur im
Abendland gibt und dass sie der sehr viel älteren Vorbereitungszeit
auf Ostern, der österlichen Bußzeit/Fastenzeit, nachgebildet ist.
Die Adventszeit hat dabei zwei Ursprünge, die sich heute noch in den
Texten, die wir in der Messfeier hören,deutlich erkennen lassen:
einen römischen Ursprung und einen gallischen Ursprung.
Seit
dem 5. Jahrhundert wird bei der ein bis dreiwöchigen Vorbereitung
auf Weihnachten in Rom die Mensch-
werdung
Gottes inhaltlich hervorgehoben, also der theologische Gedanke der
Inkarnation: Gott wird zu unserem Heil in Jesus Christus Mensch! Das
bedeutet zugleich eine marianische Prägung, eine Betonung also der
Bedeutung der Mutter des Herrn in der Heilsgeschichte Gottes mit
seinem Volk (vgl. etwa am 8. Dezember: das Fest der Erwählung
Mariens).
In
Gallien hingegen entwickelt sich die Liturgie seit dem 6. Jahrhundert
unter dem Einfluss des gallisch-irischen
Mönchtums
etwas anders als in Rom. Dort beginnt eine sechswöchige Vorbereitung
auf das Weihnachtsfest mit dem Martinstag am 11. November. Dort hat
die Adventszeit als Vorbereitungszeit auf Weihnachten eine
eschatologische/endzeitliche Prägung: Das drohende Weltgericht wird
betont und somit die anbrechende Endzeit. (Daher übrigens auchdas
große Schlemmen am St. Martins-Tag bevor die „Fastenzeit“ der
sechs Wochen der Vorbereitung auf Weihnachten anstand. )
Im
Mittelalter nun durchdringen sich diese beiden Aspekte: der Gedanke
der Menschwerdung und der Gedanke des endzeitlichen Weltgerichts
vermischen sich. Dabei setzt sich erst 1570, also relativ spät, der
römische Brauch der vier Adventssonntage im ganzen Abendland durch.
Noch
jünger ist übrigens der Brauch des Adventskranzes: er entstammt der
lutherischen Tradition und ist erst im 19. Jahrhundert in Hamburg
entstanden. Dort hatte er ursprünglich 24 Kerzen, 4 große Kerzen
für die Sonntage und 20 kleine Kerzen für die übrigen Tage des
Advent. Mittlerweile hat sich als eine schöne und sinnvolle,
ökumenische Tradition der grüne Kranz mit 4 Kerzen für die 4
Adventssonntage fast überall durchgesetzt.
Heute
feiert die Kirche im Advent eine zweifache Ankunft des Herrn: Seine
Ankunft bei den Menschen und seine Ankunft am Ende der Zeiten.
Nach
der Neuordnung der Liturgie des Advent durch das II. Vatikanische
Konzil lassen sich innerhalb der Adventszeit deshalb auch zwei
Abschnitte unterscheiden, die beide ihre eigene Bedeutung haben, wie
sie auch in den fünf Präfationen für diese Zeit zum Ausdruck
kommt.
Vom
ersten Advent bis zum 16. Dezember heben die Texte den endzeitlichen,
eschatologischen Charakter heraus: „Wenn er wiederkommt im Glanz
seiner Herrlichkeit, werden wir sichtbar empfangen, was wir jetzt mit
wachem Herzen gläubig erwarten.“ (Adventspräfation I). Weitere
Themen sind das Warten auf den Herrn einst und heute
(Adventspräfation II), die Geschenke des kommenden Herrn (III),
Adams Sünde und Christi Gnade (IV) sowie für die Zeit vom 17. bis
24. Dezember die Nähe des Herrn (V).
Im
Gegensatz zu früher gilt der Advent nicht mehr als bloße Bußzeit,
vielmehr als Zeit freudiger Erwartung. Dies unterstreichen die
Lesungen aus dem Buch des Propheten Jesaja, mit ihren starken
biblischen Bildern: Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein neues
Licht – neue Hoffnung wird den Menschen geschenkt in der Ankunft
des Herrn und Erlösers Jesus Christus.
In
den sogenannten Rorate-Messen, die auch wir in unserer
Pfarreiengemeinschaft im Advent im Dunkel bei Kerzenschein feiern,
singen wir deshalb: „Rorate caeli desuper et nubes pluant
iustum!“(„Tauet ihr Himmel von oben, ihr Wolken regnet den
Erlöser herab.“ Jes 45,8). Wir bringen so unsere Sehnsucht nach
der Ankunft des göttlichen Erlösers zum Ausdruck, und wir besingen
unsere Vorfreude über sein Kommen in unser armes
Fleisch.
Diese
Vorfreude gilt besonders für die letzten Tage vor Weihnachten für
die es eigene Texte für Messfeier und Stundengebet gibt. Der vierte
Adventssonntaghat dann mit seinen Lesungen ganz den Charakter eines
Sonntags der alttestamentlichen Väter und der Mutter Gottes, die die
Geburt des Herrn erwarten: das Magnifikat, der große Lobgesang
Mariens, steht im Mittelpunkt.
Wenn
an den Sonntagen das Gloria nichtverwendet wird, so geschieht dies
aus einem anderen Grund als in der österlichen Bußzeit: Der Gesang
der Engel auf dem Hirtenfeld, das Gloria, soll eben Weihnachten
wieder wie eine neue Botschaft erklingen. (entnommen aus Pfarrbrief Weihnachten 2009)
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